15.4.2020

Das gründerzeitliche Etagenhaus an der Fährstraße 115 wurde um 1905 gebaut. Es bildet das Ende der in diesem Teil durchweg gründerzeitlichen Straße und prägt weithin sichtbar die Ecke zur viel befahrenen Straße Reiherstieg Hauptdeich, die parallel zum Ernst-August-Deich verläuft. Seit 2007 befindet sich in dem Haus das Wohnprojekt "Fährstraße 115“.

Anfang März 2020 waren die Mieterinnen und Mieter gerade im Begriff, das Wohnhaus gemeinsam mit dem "Mietshäusersyndikat" zu kaufen, um es so dauerhaft als günstigen Wohnraum zu erhalten. Überraschend teilte ihnen jedoch der Hamburger Landesbetrieb Immobilienmanagement und Grundvermögen (LIG) mit, dass das Gebäude mithilfe des städtischen Vorkaufsrechtes von der Stadt gekauft und in den kommenden Jahren abgerissen werden soll. Bereits am 9. April stimmte die Kommission für Bodenordnung der Ausübung des städtischen Vorverkaufsrechtes zu. Für die Stadt handelt es sich um einen formalen Akt "zum Zwecke des Hochwasserschutzes" gemäß §55b HWaG. Kauf und Abriss der Immobilie sowie die notwendige Stabilisierung des benachbarten Gebäudes würde die Stadt deutlich über eine Million Euro kosten.

Aktuell gibt es unterschiedliche Perspektiven auf die Situation: Die Stadt vertritt die Haltung, dass das Gebäude-Grundstück für den Hochwasserschutz benötigt wird, allerdings nicht für den Deichbau selbst sondern nur als "Deichschutzstreifen" (eine Wiese oder eine andere nicht versiegelte und unbebaute Fläche). Vom Wohnprojekt zurate gezogene Fachleute hingegen haben jedoch aufgezeigt, dass der Hochwasserschutz auch ohne den Abriss des Hauses möglich wäre. Eine Machbarkeitsstudie der Internationalen Bauausstellung (S. 120 ff., insb. S. 124 f.) von 2011 zeigt ebenfalls auf, das der Erhalt des Hauses mit dem Hochwasserschutz vereinbar ist. Zudem ist auch im neu geplanten Spreehafenquartier ein solcher Schutzstreifen nicht vorschriftsgemäß eingeplant. Und es ist generell gesetzlich möglich, eine begründete Ausnahme vom geforderten 10m Schutzstreifen zu machen.

Der Denkmalverein plädiert daher dringend dafür, dass die Hochwasserschutz-Planung an dieser Stelle noch einmal kritisch überprüft wird. Wenn möglich sollte das Gebäude als wichtiger Bestandteil des gewachsenen Stadtbildes sowie als Dokument der gründerzeitlichen Stadterweiterung in Wilhelmsburg erhalten bleiben. Die Mieterinnen und Mieter haben eine Petition ins Leben gerufen, um den Abbruch zu verhindern.

Fotos: Johanna Klier, Fotografie Dorfmüller Klier; Projekt 115 e.V.