2021

1967 schrieb das Überseezentrum als weltweit größtes Verteilzentrum für Stückgut Logistik- und Ingenieurbau-Geschichte – um gerade einmal 54 Jahre später schon wieder abgerissen zu werden. Dieser dreiminütige Film der HCU-Studentinnen Nele Nithack und Nora Zehe ermöglicht noch einmal letzte Einblicke.

Ende der 1950er Jahre nahm im Hamburger Hafen das sogenannte „Sammelgutaufkommen“ zu, das viel Arbeitskraft benötigte und daher lohnintensiv war. Um die Abläufe zu rationalisieren brauchte man eine große Verteilungsanlage, die die Sammelladung von einem Absender im Binnenland an viele überseeische Empfänger in viele Absenderladungen an einen Empfänger (Seeschiff) verwandeln konnte - die Idee des Überseezentrums war geboren.

Ab 1962 wurden zur Vorbereitung große Teile des Moldauhafens zugeschüttet, und schon 1967 war das neue Verteilungszentrum fertig gestellt und sorgte für bundesweite Begeisterung, wie es diese NDR-Reportage anschaulich dokumentiert. Die nach modernsten Vorfertigungsmethoden erbaute Anlage umfasste ein Betriebsgebäude, einen Lagerschuppen, eine Betriebswerkstatt, Bahngleise und Schiffsanleger für die Annahme der Waren, Sozialräume und einen Annahme-Schuppen. So konnte ein fließender Warentransport zwischen Schute, Lkw und Bahn stattfinden.

Ein paar beeindruckende Zahlen: Das Zentrum besaß rund 150.000 Quadratmeter offene und 110.000 überdachte Quadratmeter Lager- und Büroflächen – das ist vergleichbar mit zehn Fußballfeldern. Es gab 81 Liegeplätze für Schuten, 700 Meter Kaimauer, 530 Mitarbeiter in der Stammbelegschaft, 28 Laufkatzenkrane für die Schutenbeladung, vier Vollportalkrane, ein Portalhubwagen für Container, 123 Gabelstapler und 700 Anhänger.

Ingenieurbautechnisch bemerkenswert waren am Überseezentrum vor allem drei Aspekte:

  • die Größe von 110.000 Quadratmetern überdachter Fläche
  • das um 25,90 Meter weit auskragende Vordach und
  • die aus drei Ebenen kommenden Stahlrohre der Fachwerkkonstruktion, die an einem Punkt ohne Knotenbleche miteinander verschweißt wurden.

In den Anfangsjahren wurde im Überseezentrum noch Stückgut umgeschlagen, zum Teil sogar per Hand. Allerdings begann relativ bald nach der Fertigstellung die große Zeit des Containerhandels, und so galt der Komplex schon 15 Jahre nach seinem Bau als überholt. Ab 1975 wurden die Wasserflächen unter dem Dach schrittweise aufgeschüttet, eine Hochwasserschutzwand wurde gebaut und der Schutenverkehr vollständig durch LKWs ersetzt. Ab 2016 waren die Lagerhallen, die zuletzt von der Hamburger Hafen- und Logistik AG (HHLA) betrieben wurden, wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit nicht mehr in Nutzung.

Das Denkmalschutzamt hatte das Überseezentrum aufgrund seines jungen Baualters leider nicht frühzeitig unter Schutz gestellt, und offenbar hatten auch schon Mitte der 1980er Jahre grundlegende Umbauarbeiten stattgefunden. Im Zuge der Entwicklung des „Kleinen Grasbrooks“ wurde das Areal neu beplant. Als ein Mitglied des Denkmalvereins im Jahr 2019 nochmal einen Denkmalvorschlag stellte, kam aus dem Amt die Auskunft "überformt und überplant", und im Herbst 2021 wurde das Überseezentrum vollständig abgerissen. Selbst das Vordach, das nach ersten Planungen noch in die neue Architektur einbezogen werden sollte, wird nur noch als „Interpretation des ursprünglichen Daches“ neu auferstehen. Auf der geräumten Fläche sollen nach bisherigen Planungen 3.000 Wohnungen und 16.000 Arbeitsplätze entstehen.

Mit dem Überseezentrum wurde nicht nur ein bedeutendes Ingenieurbauwerk zerstört, das Hamburger Hafen- und Wirtschaftsgeschichte mitgeschrieben hat, sondern auch jede Chance auf eine nachhaltige Weiternutzung grauer Energie und Ressourcen vertan. Es ist bedauerlich, dass Hamburg sich bei seiner Hafenentwicklung nicht Städte wie Kopenhagen zum Vorbild nimmt, in denen die historischen Hafenbauten behutsam in die Entwicklung neuer Quartiere einbezogen werden.

Historische Pläne und Foto Knoten-Verbindung: Zeitschrift 'Stahlbau', 1967
Historisches Foto Vordach: Hans Böhlke / Deutsche Bundesbahn (Archiv Sven Bardua)
Fotos Juli 2020: Sven Bardua
Fotos Oktober 2021: Denkmalverein