2017

Der Ort, an dem das „Haus der Kirche“ 1968-70 nach Plänen der bekannten Hamburger Architekten Ingeborg und Friedrich Spengelin entstand, könnte bedeutender kaum sein. Die Adresse Neue Burg 1 verweist auf die unter Herzog Ordulf 1061 hier errichtete Burg, die gegen Ende des 12. Jahrhunderts zum Ausgangspunkt der mittelalterlichen Stadterweiterung wurde. Von den alten baulichen Schichten des historischen Hamburgs ist freilich nichts mehr übrig. Den Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg sind hier nicht nur das Kirchenschiff von St. Nikolai, sondern auch zahlreiche weitere umliegende Bauten zum Opfer gefallen. Dies war Anlass für die Planer der Nachkriegsmoderne, die bereits vor den Krieg angedachte Ost-West-Straße zu realisieren. Die Magistrale sollte durch in den Straßenraum eingestreute markante Hochhaus-Solitäre ihre Prägnanz erhalten. Zu ihnen gehören die ehemaligen Hochhäuser für den Spiegel und IBM (Architekt: Werner Kallmorgen, heute umgebaut zu den „Hamburg Heights“), die Reederei Hamburg Süd (Architekt: Cäsar Pinnau), das Allianz-Hochhaus (Bernhard Hermkes, wird ebenfalls abgerissen) und eben das Kirchenamt der Spengelins.

Das „Haus der Kirche“ basierte somit weniger auf den historischen Stadtgrundriss, als auf dem Gestaltungskanon der Spätmoderne: Um ein 12 Stockwerke hohes Punkthochhaus in Stahlbeton-Skelettbauweise gruppierten sich flachere Flügelbauten. Das Erscheinungsbild prägten die zeittypischen, präzise gefügten Waschbeton-Fassadenelemente. Die Raffinesse der Details erhoben diesen Bau weit über die oftmals banalen Bauten der Zeit: So gehen die Seitenelemente über Eck in Brüstungselemente über, fein gegliedert durch schmale Trennfugen. Und oberhalb der horizontal zusammengefassten Fenster waren nicht nur Sonnenblenden, sondern zudem Oberlichtbänder eingebaut. Das Hochhaus wurde schließlich im Erdgeschoss teilweise mit dünnen Rundbetonstützen aufgeständert, um eine formale Trennung herzustellen zur hier eingeschobenen Kapelle. Dieses kleine Gotteshaus war ein kaum bekanntes, aber wunderschönes, karges Kleinod: Wände und Boden waren gemauert aus schlichten Pflastersteinen, die rohe Betondecke wurde mit dem Meißel bearbeitet, was dem Raum insgesamt die Erscheinung einer (nur durch einen schmalen Fensterschlitz und Oberlichter spärlich beleuchteten) Höhle gab. Mittig im abgetreppten Raum befand sich eine Pilzkopfstütze aus Beton. Aus einer Wand ragte ein Mensa-Tisch aus weißem Marmor – die auf Äußerste reduzierte Form eines Altars, darüber schließlich ein Kreuz mit glattgeschliffenen Natursteinen.

Auf engem Raum standen sich mit dem Allianz-Hochhaus und dem Haus der Kirche zwei Hochhäuser gegenüber, die, beide Ende der 1960er Jahre errichtet, die gestalterische Bandbreite der Spätmoderne exemplarisch aufzeigten: Das eine mit kühl-technizistischen Metallfassaden, das andere eine große, archaisch wirkende Plastik aus Stein und Beton. Dass die beiden so unterschiedlichen und doch verwandten Gebäude nicht erhalten wurden, muss man, neben wirtschaftlichen Motiven, im Wesentlichen geänderten städtebaulichen Leitbildern unter der Ägide von Oberbaudirektor Jörn Walter zuschreiben: Die hier geplanten Neubauten sollen als Blockrandbebauung und mit einem traditionelleren Erscheinungsbild wieder an das vormoderne Hamburg anknüpfen.

Fotos: Kristina Sassenscheidt