2019

Das sogenannte Deutschlandhaus prägte über viele Jahrzehnte das Stadtbild am Hamburger Gänsemarkt. Im Jahr 2014 erwarb die ABG Immobilien Gesellschaft das Gebäude aus einem Schweizer Immobilienfonds, um es abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen. Die Kulturbehörde oder die Öffentlichkeit mussten dafür formell nicht beteiligt werden. Der Abriss wurde im Jahr 2019 vollzogen. Anstelle des Deutschlandhauses sollen nach Entwürfen von Hadi Teherani Architekten künftig Büros und Wohnungen entstehen.

Gebäudegeschichte
Die Architekten Fritz Block und Ernst Hochfeld entwarfen 1928/29 ein Geschäftshaus mit Büros, Kaufhaus, Ladenpassage, Gaststätten-/Cafébetrieben und Europas damals größtem Lichtspieltheater ("Ufa-Palast" mit 2.700 Plätzen). Das sogenannte Deutschlandhaus erstreckt sich über einen ganzen Gebäudeblock (Valentinskamp, Drehbahn) am Gänsemarkt, vis a vis der ehemaligen Finanzdeputation von Fritz Schumacher.

Seine besondere Ikonografie und Baukonstruktion basieren auf einer horizontalen Gliederung mit weißen Fensterbändern, zurückspringenden Staffelgeschossen, abgerundeten Ecken, rotem Klinker und einer innenliegenden Stahlskelettkonstruktion. Die gewählten Stützenraster und die Fassadeneinteilung ermöglichen eine flexible Raumnutzung und -einteilung bei optimaler Belichtung, so wie es Kennzeichen aller Hamburger Kontorhäuser seit dem Ende des 19. Jahrhunderts war. Somit war bereits die ursprüngliche Planung auf eine sehr wirtschaftliche Nutzung des Gebäudes ausgerichtet.

1975-78 wurde ein Gebäudeflügel an der Straße Drehbahn neu errichtet (Planung: Büro Dietrich & Partner, Hamburg), der im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war. Außerdem wurde die gesamte Fassade an Valentinskamp und Dammtorstraße neu errichtet, leider nur in Teilen an das Original angelehnt (Backstein statt Klinker, vereinfachte Gliederung). Ein Staffelgeschoss wurde aufgesetzt. Im Inneren scheint die Tragkonstruktion (Stahlstützen, Teile der Decken) erhalten zu sein, sie wurde jedoch mit Beton verstärkt. Die Details der Abbruchmaßnahmen 1975-78 lassen sich nicht mehr nachvollziehen. Für eine angemessene Form der Beteiligung des Denkmalschutzamtes findet sich entgegen der Darstellung in der damaligen Presse kein Beleg. Die Denkmalpflege hatte allerdings damals noch weniger Einfluss als heute, und die Erhaltung von Gebäuden aus den 1920er Jahren war keineswegs eine Selbstverständlichkeit.
2006 wurde das gesamte Gebäude noch einmal renoviert. Die baulichen Veränderungen fallen von weitem – zumindest für Laien – jedoch kaum auf. Unter Denkmalschutz konnte das Gebäude allerdings aufgrund der großen Substanzverluste nicht mehr gestellt werden.

Debatte
In den Medien wurde der geplante Abriss des geschichtsträchtigen Deutschlandhauses und die mangelnde Bürgerbeteiligung als Skandal über mehrere Monate hinweg thematisiert. Der Denkmalrat bedauerte in einer Stellungnahme vom 17.1.18 den bevorstehenden Abbruch und rügt die Intransparenz des Verfahrens, bei der an einer stadtgeschichtlich und denkmalpflegerisch so zentralen Stelle Hamburgs erneut ohne jedwede öffentliche Beteiligung über Abriss und Neubau entschieden wurde. Und auch der Denkmalverein ist der Ansicht, dass das Deutschlandhaus als baukulturelles Zeugnis hätte erhalten werden sollen. Es ist dringend an der Zeit, dass die Bau- und Kulturbehörden bei vergleichbaren Immobilien-Geschäften einen stärkeren Einfluss nehmen, im Sinne des historisch gewachsenen Stadtbildes aber auch der ökologischen Gesamtbilanz .

Aktuelle Fotos: Sarah C. Schreiner (2018), historisches Luftbild: Hamburger Luftbild GmbH (1931)

Initiative Deutschlandhaus

Architektonischer Judotrick, Zeit Online, 14.5.18

Der Protest ist zu leise, Zeit Online, 5.3.18

Stadtplanung mit dem Taschenrechner, Süddeutsche Zeitung, 16.2.18

Entfernung einer Identität, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.02.18

Denkmalschützer kritisieren Abriss des Deutschlandhauses, Hamburger Abendblatt, 31.01.18

Trotz massiven Protests: Er reißt das Deutschlandhaus ab, MOPO, 2.12.17