2018

Das Allianz-Hochhaus entstand 1969-71 als eines der letzten Projekte des Architekten und Stadtplaners Bernhard Hermkes (1903-1995), der in Hamburg u.a. die Großmarkthalle, das Audimax oder das Kraftwerk Wedel entworfen hat. Es steht beispielhaft für die zweite Phase der Nachkriegsmoderne ab Mitte der sechziger Jahre, in der die Wiederaufbaumaßnahmen in der Hamburger Innenstadt abgeschlossen waren und eine stärkere Verdichtung stattfand.

Der Bau stellte einen brutalen Eingriffe in die Altstadt dar: Der bestehende Stadtgrundriss wurde überplant und erhaltene Altbauten wie das Gertig-Haus von 1905 abgerissen. Auch die Bohnenstraße, deren Verlauf das Nikolaifleet nachzeichnete, wurde aufgehoben und diente nur noch als Anlieferhof.

Der Verwaltungskomplex für 1750 Mitarbeiter gliederte sich in einen Flachbau, der sich entlang des Großen Burstah und Hahntrapp in die vorhandenen Straßenfluchten einfügte, sowie ein Hochhaus, das gebäudemittig mit insgesamt 15 Geschossen als Solitär emporwuchs. Wie damals üblich waren die Geschoßflächen überwiegend als Großraumbüros eingerichtet. Die gleichförmige Innenaufteilung drückte sich auch im Fassadenbild aus, mit umlaufenden, mit eloxiertem Leichtmetall verkleideten Balkonen, die dem Bau eine abstrakt wirkende Horizontalität gaben. Durch ein Passagennetz im Erdgeschoß und Bootsanlegestege zum Nikolaifleet öffnete sich der Bau in zeitgenössischer Manier zur Stadt. Das Gebäude besaß auch einige markante Beispiele für Kunst am Bau, in Form einer gestaffelten Steinplatten-Mauer im Eingangsbereich sowie einer kunstvoll gestalteten Marmorwand von Hans Sperschneider in der Direktionsetage.

Die Gliederung in Flach- und Hochbau sowie das abstrakte Fassadenbild ließen den Bau als amorphe Baumasse wirken, der nur durch bewusste Einzelmaßnahmen im öffentlichen Bereich in den Maßstab der Altstadt integriert ist. Entsprechend der zeitgenössischen Forderung nach Urbanität durch Dichte wagte die Architektur eine Neudefinition innerstädtischen Lebens und schaffte einen modernen räumlichen Schwerpunkt rund um den Nikolaikirchturm. Damit dokumentiert das Allianz-Hochhaus die zukunftsfreudige Planungseuphorie der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts.

Trotz des bauzeitlichen Originalzustandes, der erstaunlich zeitgemäßen Architektur und der hohen handwerklichen Qualität beschloss die Hamburger Stadtplanung den Abriss dieses Baudenkmals. Eine der Haupt-Begründungen war die schlechte Nutzbarkeit der Großraum-Zuschnitte. Unter finanzielle Federführung der Commerzbank-Tochter Commerz Real soll ein neues Büro-Ensemble nach Plänen des britischen Büros Caruso St. John entstehen. 2015 wurde der Abrissantrag gestellt, 2017 begann der Abriss, und für 2019 war der Neubau mit etwa 40.000 Quadratmetern Büros, Einzelhandelsgeschäfte und bis zu 75 Wohnungen zum Fleet hin geplant. Nach jüngsten Presseberichten scheint diese Planung jedoch überholt zu sein und ein Weiterverkauf anzustehen. Aktuell prangt eine große Baulücke mitten in der Hamburger Innenstadt.

Fotos: Hagen Stier