An der Admiralitätstraße auf der Fleetinsel steht die letzte geschlossen erhaltene Zeile historischer Kontor- und Speicherhäuser in der Hamburger Innenstadt. Noch Ende der 1980er Jahre sollte sie einem Parkplatz weichen. Dass hier heute Galerien, Ateliers und Kulturorte zu Hause sind, ist Künstler:innen zu verdanken, die sich nicht vertreiben ließen, und einem Mäzen, der die Häuser kaufte und behutsam sanieren ließ.

Baugeschichte

Eine Insel im eigentlichen Sinne ist die Fleetinsel nicht. Das Areal wird von Herrengraben- und Alsterfleet, der heutigen Willy-Brandt-Straße und der Stadthausbrücke eingefasst. Die Admiralitätstraße verdankt ihren Namen dem Hamburgischen Admiralitäts-Collegium, das bis 1811 über Marine, Seehandel und Hafen wachte. Der älteste Bau der Häuserzeile steht an der Hausnummer 74: ein Speicher von 1787, der als einer der ältesten in ganz Hamburg gilt. Um 1850 kam das kleine spätklassizistische Haus Nummer 76 hinzu, 1885/86 der Kopfbau an der Michaelisbrücke und 1889/90 der große Admiralitätshof. In den 1960er und 70er Jahren kaufte die Stadt die mittlerweile leerstehenden Häuser nach und nach auf, denn der Bebauungsplan sah einen kompletten Neubau vor. Die Ost-West-Straße hatte das Viertel ohnehin vom Hafen abgeschnitten, und trotz der zentralen Lage wirkte es zunehmend abseitig. Die Gebäude leerten sich und schienen auf den Abriss zu warten.

Neue Nutzung und Rettung

Gerade das machte den Ort für Künstler:innen interessant. Schon Ende der 1970er Jahre nutzten sie die leeren Kontore als Ateliers und Wohnräume, 1979 trat hier sogar die New Yorker Avantgarde-Künstlerin Laurie Anderson auf. Die Mietungen in der zunehmend maroden Strassenzeile waren überwiegend vereinzelter und zeitlich undefinierter Natur. Doch als die städtische Sprinkenhof AG 1986 nur noch einen Sammelvertrag für zweieinhalb Häuser abschließen wollte, schlossen sich junge Kulturschaffende aus Kunst, Musik, Film, Fotografie und Theater zum Verein WESTWERK e.V. zusammen, ein Name, der sich auf die Lage an der Ost-West-Straße bezieht. Offiziell waren die Räume Ateliers, gewohnt wurde dort trotzdem, stillschweigend geduldet.

1987 lehnte die Bürgerschaft den Erhalt der Häuser ab, und die Räumungsbescheide folgten. Die Bewohner:innen zogen vor Gericht und das WESTWERK erhielt tatsächlich Mieterschutz. Gleichzeitig machte ein Transparent an der Admiralitätstraße 74 mit der Aufschrift „Senat fressen Straße auf“ (pace R.W. Fassbinder) auf die Lage aufmerksam, und eine Delegation aus dem Verein reiste nach Rotterdam, um dem niederländischen Investor seine Pläne auszureden. Es wurde klar, dass die Investoren nichts davon wussten, dass die Häuser bewohnt waren und dass es nicht ihr Interesse war, die Gebäude abzureissen, sondern dass die Stadt es zur Auflage gemacht hatte. Kurz nach dem Treffen in Rotterdam trat der Investor von seinem Kaufvertrag zurück.

Anfang 1988 sollte der Abriss endgültig beschlossen werden. Galerist Ulrich Dörrie lud kurzfristig zu einem Treffen an einem Sonntagabend in seine Galerie, zu dem neben Vertretern des WESTWERK auch der Rechtsanwalt, Sammler und Mäzen Hans Jochen Waitz und der damalige Kultursenator Ingo von Münch kamen. Dabei stellte sich heraus, dass die Altbauten nicht dem geplanten Hotel, sondern lediglich einem Parkplatz weichen sollten. Von Münch ließ sich überzeugen, und der Abriss wurde von der Tagesordnung genommen. Begeistert waren nicht alle: Wirtschaftssenator Rahlfs befürchtete neben einem erstklassigen Hotel „letztlich eher Grillpartys und ähnliches“, und SPD-Fraktionschef Henning Voscherau knüpfte seine Unterstützung daran, dass ordentlich Miete gezahlt würde.

Schließlich bot die Stadt an, die Häuser an denjenigen zu verkaufen, der sie saniert und erhält. Am 18. April 1989 wurde der Kaufvertrag mit der von Dr. Hans Jochen Waitz und dem Architekten Jan Störmer eigens gegründeten Fleetinsel GmbH unterzeichnet, zu einem günstigen Preis, aber mit strengen Auflagen. Noch am selben Nachmittag kam ein Anruf mit der Frage, ob man das öffentlich sehr sichtbare Transparent nun einrollen könne.

Die neuen Eigentümer:innen übernahmen alle 35 Mietverhältnisse und verpflichteten sich, die Häuser dauerhaft zu erhalten und zehn Jahre lang günstig an Kulturschaffende zu vermieten. Gemeinsam mit dem Architekten Bruno Brandi wurde behutsam saniert: Fenster, Fassaden und Dächer wurden repariert statt ersetzt. So blieb der schlichte Charakter der Lager- und Bürohäuser erhalten, und die Mieten blieben bezahlbar.

Die vertragliche Frist ist längst abgelaufen, das Konzept wird aber bis heute fortgeführt. Das Westwerk, seit 1985 als Kollektiv betrieben, steht für experimentelle Kunst und Live-Musik, das Theater Fleetstreet bringt seit 2011 junge Performance-Gruppen auf die Bühne. Daneben haben Galerien, Ateliers und kleine Läden wie das Kunstantiquariat Joachim Lührs ihren Platz. 2023 feierte die Fleetinsel ihr Jubiläum mit dem Festival „33 Jahre Fleetinsel“. Für den Denkmalverein ist sie ein vorbildhaftes Beispiel dafür, wie aus einer Zwischennutzung ein dauerhafter Ort wird, an dem historische Bausubstanz und lebendige Kultur einander gegenseitig unterstützen.

Fotos: Kristina Sassenscheidt