31.10.2019

Der 1817 gegründete liberale "Neue Israelitische Tempel-Verein in Hamburg" baute sich von 1842 bis 1844 einen Tempel in der Poolstraße nach Plänen des Architekten Johann Hinrich Klees-Wülbern. Er gilt heute als weltweiter Ursprung des liberalen Judentums. Von dem einst dreischiffigen Gotteshaus sind heute nur noch die Reste der westlichen Vorhalle und das östliche Apsisgebäude als Kriegsruinen erhalten und in eine offene Autowerkstatt integriert.

Seit 2003 stehen sie unter Denkmalschutz, und die Begründung des Denkmalschutzamtes lautet: "Als Zeugnis des jüdischen Lebens in Hamburg und seiner Vielfalt besitzt das Ensemble Poolstraße 11-14 eine besondere geschichtliche Bedeutung. Darüber hinaus ist es als Anlage des Neuen Israelitischen Tempelvereins von weit über Hamburg hinausreichender, internationaler Bedeutung, handelt es sich doch um den ersten eigenen Sakralbau dieser Gemeinde, die zu einer der Keimzellen des liberalen Judentums, einer der Hauptströmungen des Judentums, wurde. Ergänzt wird diese Dimension durch die architekturhistorische und künstlerische Bedeutung der Anlage im Zusammenhang der Hamburger Baugeschichte der Mitte des 19. Jahrhunderts und insbesondere im Rahmen des weitgehend verlorenen Werkes des Architekten Johann Hinrich Klees-Wülbern. Es besteht daher ein öffentliches Interesse an der Erhaltung des Ensembles bestehend aus den baulichen Resten des Tempels und den Vorderhäusern an der Poolstraße."

Die Gebäude des ehemaligen Tempels sind inzwischen in einem besorgniserregenden Zustand - an vielen Stellen ist der Putz abgebröckelt, das Mauerwerk verfällt und das Dach des Apsisgebäudes ist seit mehreren Jahren offen. Denkmaleigentümer sind gesetzlich dazu verpflichtet, ihr Denkmal zu erhalten und instand zu setzen. Es ist daher nicht nachzuvollziehen, warum hier so lange weder von Eigentümer- noch von Behördenseite aus Maßnahmen ergriffen wurden. Laut Auskunft der Kulturbehörde wurde erst am 22. November 2019 eine Sicherungsverfügung an den Eigentümer verschickt. Sollte der Eigentümer daraufhin immer noch keine Sicherung vornehmen, kann die Behörde per "Ersatzvornahme" Handwerker mit der Sicherung beauftragen und die Rechnung an den Eigentümer weiterreichen.

Mittlerweile erweckt der Zustand der ersten Reformsynagoge der Welt auch internationale Beachtung. Besonders besorgt sind die Foundation Jewish Heritage in London, die Schwestergemeinden der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Großbritannien und den USA und die World Union of Progressive Judaism. Es gibt zudem erste Stimmen aus der Hamburger Bevölkerung, die einen Wiederaufbau fordern. Bei einer Pressekonferenz der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hamburg am 28. November 2019 hat auch der Denkmalverein ein Statement abgegeben.

Historische Fotos: Institut der Geschichte der deuschen Juden, Museum für Hamburgische Geschichte
Aktuelle Fotos: Johanna Klier, Kristina Sassenscheidt
Neubau-Entwürfe: gnosa architekten