8.4.2019

Zwischen 1986 und 1990 entstand am Moosrosenweg 18 in Bramfeld das sogenannte "Berufsbildungszentrum der HEW" für die Lehrlingsausbildung für den technischen und kaufmännischen Nachwuchs des Unternehmens. Der Entwurf stammt von dem renommierten Hamburger Architekten Volkwin Marg vom Büro "Von Gerkan, Marg & Partner" (gmp). Dennoch ist das architektonisch anspruchsvolle Gebäude-Ensemble akut von Abrissplänen bedroht, da der Stromkonzern und heutige Eigentümer Vattenfall es aufgeben möchte und die gesamte Gegend neu entwickelt werden soll.

In Ralf Langes Architekturführer (1995, S. 201) heißt es zu dem Gebäude-Komplex: "Verwaltung, Werkstätten und Kantine gruppieren sich um eine zweigeschossige, glasgedeckte Passage mit umlaufender Galerie. Der Bau erinnert nicht nur von ungefähr an Mies van der Rohes Entwürfe für das Illinois Institute of Technology in Chicago. Die mit gelben Ziegeln ausgefachten Stahlträger der Fassaden werden in Bramfeld ebenso zitiert wie die berühmte Negativecke. Bemerkenswert ist auch der Sonnenschutz an den Außengalerien, der aus Sonnenkollektoren besteht." - Ökologische und energiesparende Aspekte kommen an mehreren Stellen zum Tragen und entfalten damit auch pädagogische Wirkung: Die Pausenhalle wirkt als Wärmepuffer, das Regenwasser wird gespeichert, es gibt Dachbepflanzungen und einen Pausenhof mit Feuchtbiotop.

Das ehemalige HEW Ausbildungszentrum ist erhaltenswert, weil sowohl die Gebäude als auch ihre Außenanlagen eine hohe architektonische Qualität besitzen. Das Ensemble repräsentiert zudem in hervorragender Weise die seit den 1980er Jahren immer wichtiger werdenden Bestrebungen des ökologischen bzw. ressourcensparenden Bauens in Deutschland. Mit einem Abriss ginge nicht nur ein wichtiges Dokument der jüngeren – und deshalb besonders gefährdeten – Architekturgeschichte Hamburgs verloren. Es würde auch die „graue Energie“ dieser nicht einmal 40 Jahre alten Gebäude vernichtet werden, was im vorliegenden Fall besonders widersinnig erscheint.

Der Denkmalverein Hamburg plädiert daher dringend dafür, die vorhandenen materiellen, baukulturellen und freiräumlichen Ressourcen in eine zukunftsfähige Quartiersentwicklung zu integrieren. Das Ausbildungszentrum, das mit seiner großen Pausenhalle schon jetzt auch von Dritten für öffentliche Veranstaltungen genutzt wird, bietet sich an für eine Kombination aus Schulerweiterung, Ganztag und Räumen für Stadteilkulturarbeit. Der überdurchschnittlich gut gestaltete Freiraum kann ohne weitere Investitionen als Verbindungsscharnier zwischen Wohnen und Schulerweiterung bzw. Stadtteilkulturzentrum genutzt werden (vgl. Visualisierung auf Basis eines Luftbildes vom Landesbetrieb Geoinformation und Vermessung). Wohnungsbau darf sich nicht nur auf Quantität reduzieren. Entscheidend ist eine gute funktionale, soziale und kulturelle Mischung. Die Denkmalwürdigkeit von Gebäude und Außenanlage ist offensichtlich, aber eine Integration von herausragenden Bestandselementen in eine nachhaltige Quartiersentwicklung ist darüber hinaus auch ohne Denkmalschutz ein planerisches Muss.

Fotos: Heiner Leiska, Pläne: gmp Architekten