In der Kaiser-Wilhelm-Straße in der Neustadt droht einem ganz besonderen, aber weitgehend unbekannten Denkmal der Abbruch. Es handelt sich um einen unterirdischen Leitungsgang aus der Frühzeit der modernen Stadtentwicklung.

Beim Bau der Kaiser-Wilhelm-Straße im Jahre 1892 wurde ein etwa 450 Meter langer, begehbarer unterirdischer Tunnel angelegt, in dem die Ver- und Entsorgungsleitungen und die Anschlüsse der anliegenden Häuser untergebracht wurden. Reparaturen und Ergänzungen an den Leitungen sind damit schnell und einfach möglich, ohne dass in der Straße eine Baugrube angelegt werden muss.

Bei dem Tunnel handelt es sich um einen Versuchsbau, ein Experiment, dass zumindest in Hamburg keine weiteren derartigen Bauten nach sich zog. Obwohl sich die Anlage technisch gut bewährte, blieb der Tunnel in Hamburg aufgrund der hohen Baukosten letztlich ein Einzelstück, während das Prinzip andernorts durchaus aufgegriffen und weiterverfolgt wurde. In Prag und Zürich beispielweise gibt es heute ausgedehnte unterirdische Netze solcher Tunnel, die auch immer noch weiter ausgebaut werden.

Dennoch gehörte der Hamburger Leitungsgang zu den ersten derartigen Bauten auf dem europäischen Festland und heute zu den ältesten erhaltenen Anlagen dieser Art in Europa. Der Tunnel ist etwa 450 Meter lang, etwa 3,00 Meter breit und etwa 1,75 Meter hoch. Er wurde direkt an die Keller der angrenzenden Häuser gebaut, so dass die Hausanschlüsse direkt vom Leitungsgang aus hergestellt werden können. Die Decke besteht aus Stahlträgern, zwischen die gemauerte Gewölbekappen eingebaut wurden. Die Oberseite wurde mit einer Asphaltschicht abgedichtet und mit etwa 25 cm Erdreich überdeckt. Darüber wurde der Gehweg verlegt. Die Leitungen im Tunnel wurden auf Konsolen an den Wänden angeordnet, mit so viel Abstand, dass an den Leitungen gut gearbeitet werden konnte.

Auch wenn der Hamburger Leitungsgang ein Experiment geblieben ist, so ist er doch bis heute – immerhin fast 130 Jahre nach seinem Bau – noch immer in Betrieb. Seine historische Bedeutung wurde im Juni 2017 mit dem Eintrag in die Denkmalliste gewürdigt. Doch das Alter der Konstruktionen wurde zuletzt auch zunehmend zu einem Problem: Die Tragfähigkeit genügt nicht mehr den heutigen Anforderungen, durch die Belastungen des Straßenverkehrs entstanden Schäden. So mussten 2017 in Teilen des Tunnels bereits provisorische Abstützungen und Verstärkungen eingebaut werden, um die Standfestigkeit zu sichern. Eine grundlegende Sanierung des Bauwerks wäre schon seit Jahren erforderlich.

Aus Kostengründen hat sich die Stadt als Eigentümer des Denkmals allerdings nun gegen die Sanierung und für den Abbruch und die Verfüllung des historischen Tunnels entschieden. Lediglich ein 26 Meter langes Teilstück soll denkmalgerecht saniert werden und erhalten bleiben. Das Denkmalschutzamt hat dem Abriss von etwa 95 % der historischen Substanz zugestimmt.

Damit geht ein technisches Denkmal aus der Frühzeit der modernen städtischen Infrastruktur und von weit überregionaler Bedeutung unwiederbringlich verloren. Die verbleibenden 26 Meter haben eine reine Alibifunktion und können die Technik und die historische Bedeutung des Hamburger Leitungsgangs nicht widergeben.

So werden nun aktuell (August 2021) gerade die Fernwärmeversorgungsleitungen aus dem Leitungsgang entfernt und neben dem Tunnel im Straßenraum neu verlegt. Für die dafür nötige Baustelle ist die Kaiser-Wilhelm-Straße über Monate hinweg halbseitig gesperrt und als Einbahnstraße eingerichtet. Um genau diese Beeinträchtigungen des Straßenverkehrs zu vermeiden, wurde der Leitungsgang vor 130 Jahren gebaut – eine Ironie des Schicksals.

Die Abbrucharbeiten am Tunnel sollen im November 2021 beginnen und in Abschnitten bis zum Frühjahr 2022 andauern. Die Hamburger Denkmallandschaft verliert, einmal mehr trotz bestehendem Denkmalschutz, ein weiteres einzigartiges unterirdisches Kleinod.

Fotos: Hamburger Unterwelten e.V., Michael Berndt
Zeitgenössische Darstellung Tunnelquerschnitt: Hamburg und seine Bauten 1914