Die Hamburger Speicherstadt, ein Symbol für Backsteinarchitektur
 
 
   
Fritz Schumacher schuf Wohnquartiere wie in der Jarrestadt im Stadtteil Winterhude.
 
 
   
Beispiele für die Außendämmung von Fassaden in Hamburg-Dulsberg.
 
 
   
Beispiele für die Außendämmung von Fassaden in Hamburg-Dulsberg.
 
 
   
Behutsam restaurierter Kaispeicher B in der HafenCity und…
 
 
   
…original erhaltene Hinterhoffassade in Hamburg- Winterhude.
 
 
 

Methodenhandbuch Energiewende, veröffentlicht vom Bund Heimat und Umwelt 2014
Rettet bürgerschaftliches Engagement die Backsteinstadt Hamburg?

von Helmuth Barth

Zusammenfassung
Das Stadtbild Hamburgs wird durch rote Backsteinbauten geprägt. Deren Fassaden sind in jüngster Zeit durch energetische Sanierungen gefährdet. Daher engagieren sich seit 2007 viele Bürger der Stadt für den Erhalt der Rotklinker- Fassaden, um den typischen Charakter des Stadtbildes zu erhalten.

Bürgerschaftliches Engagement für die Backsteinstadt
Es begann mit einem Kommentar in der Deutschen Bauzeitung. Im Oktober 2006 stellte ein renommierter Architekturkritiker die Frage, ob die Backsteinstadt Hamburg bald nur noch als Fototapete zu haben sei. Er meinte damit, dass die authentischen Fassaden immer mehr hinter Wärmeverbundsystemen und Riemchenverkleidungen verschwänden und so die handwerkliche Besonderheit und Reliefstruktur der stadtbildprägenden Außenwände verklebt würden. Die Stadt verlöre ihr Gesicht. Es dauerte ein paar Monate, bevor einzelne Vertreter der Architektenkammer und der HafenCity-Universität den Ball aufnahmen und die Außendämmung von Fassaden hinterfragten. Sie warnten vor Ziegel-Imitaten aus Kunststoff und dem Verlust des Rotklinker-Charakters der Stadt. Die Lokalpresse stieg ein, besorgte Bürger meldeten sich zu Wort. Die Behörden sahen indes keinen Anlass, die Notbremse zu ziehen. Lediglich der Oberbaudirektor teilte die Sorgen der Dämmgegner.

Im November 2007 stieg dann die Fritz-Schumacher-Gesellschaft ein. Sie trägt den Namen des legendären Hamburger Stadtbaumeister, der Anfang des 20. Jahrhunderts die Backsteinstadt Hamburg mitbegründete und zahlreiche Staatsbauten und Wohnquartiere in Rotklinker schuf.

Das Bild der Metropole Hamburg wird seit langem durch roten Backstein geprägt. Nicht nur in der bekannten Speicherstadt, sondern in großen Wohnquartieren vieler Stadtviertel dominieren Klinkerfassaden und weiße Sprossenfenster. Das unverwüstliche Material ist technisch so beschaffen, dass es auch „in Würde altern“ kann. Rotklinker sind Unikate. Im Zusammenspiel des Ziegelverbundes entsteht durch die Oberflächenbeschaffenheit und den unterschiedlichen Farbton eine abwechslungsreiche und reizvolle Kombination. Die verwendeten Baustoffe schaffen ein Farbenspiel bei Sonne und Regen. Gedämmte Fassaden dagegen lassen die Fenster wie Schießscharten aussehen, die Häuserwand klingt hohl, wenn man klopft, die nachgemachten Steine wirken flach und leblos, das Farbenspiel ist erloschen. Kurzum: Der authentische Klinker leuchtet, er lebt, die Dämmfassade auf der anderen Seite ist monoton und wirkt tot.

Deshalb kämpfen die Bürger für den Erhalt des Klinkers – er gehört zur Identität der Stadt. Schönheit und Nachhaltigkeit müssen sich dabei nicht ausschließen. Die Frage ist: Wie lassen sich charakteristische Backsteinfassaden und die Anforderung des Klimaschutzes verbinden? Wie lassen sich traditionsreiche Gebäude und energetische Sanierung sinnvoll miteinander in Einklang bringen?

Die Fritz-Schumacher-Gesellschaft ergriff also die Initiative. Diese Vereinigung zur Förderung der Baukultur regte ein Memorandum in Sachen Klinkerfassaden an und gewann in kurzer Zeit zahlreiche Unterstützer aus dem Kreis einschlägiger Institutionen wie dem Bund der Architekten, der Freien Akademie der Künste, der Patriotischen Gesellschaft, dem Denkmalverein Hamburg und anderen. Das Memorandum erschien im Februar 2008, ein Zusatzpapier drei Monate später. Es zeigte die Probleme auf und erhob Forderungen wie Gestaltungssatzungen, ein Handbuch über Maßnahmen und Hilfestellungen für Bauherren, eine Revision der Förderrichtlinien sowie die Ernennung eines Backsteinbeauftragten. Der Oberbaudirektor schloss sich den Forderungen an.

Es passierte jedoch wenig. Dies lag nicht so sehr an der mangelnden Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, sondern vielmehr daran, dass es keine schlüssigen Rezepte für eine Abkehr von der großflächigen Außendämmung gab. Sie galt als die einfachste Form der energetischen Ertüchtigung von Gebäuden. Vertreter der bürgerschaftlichen Institutionen kamen in ihren Gesprächen mit Bauherren, der Baustoffindustrie und des Bauhandwerks nicht weiter, wenn sie alternative Energieeinsparmethoden zur Sprache brachten. Es war ja so bequem, Wände von außen zu dämmen, und die Mieter brauchten während der Sanierung nicht auszuziehen.

Doch allmählich machte sich Unbehagen breit. Politiker aller Fraktionen reichten Anträge ein und Wohnungsgenossenschaften räumten Nachteile der Außendämmung ein. Die Fritz-Schumacher-Gesellschaft drängte weiter und die Bevölkerung wurde aufgefordert, genauer hinzuschauen. Eine neue Handlungsphase begann.

Im Februar 2009 kam ein Runder Tisch beim Oberbaudirektor zusammen und versuchte, die Forderungen aus dem Memorandum umzusetzen. Ein Fachforum wurde veranstaltet und ein Pilotprojekt begonnen. Die Stadt eröffnete einen Dialog mit den Bürgern und Interessierten. Vertreter des Denkmalschutzamtes, Wissenschaftler und Techniker machten Vorschläge, wie Klimaschutz in einer Großstadt funktionieren kann, auch ohne die Außendämmung mit Kunststoff.

Im November 2010 war es dann soweit. Eine Gemeinschaftspublikation erschien, die den Titel trug „Handlungsempfehlung zur Erhaltung der Backsteinstadt Hamburg“ und zum Bestseller avancierte. Deutlich wurde in Kartenszenarien aufgezeigt, wie Hamburg sich verändern würde, wenn die Gebäude ihr Backsteingewand verlören. Und es wurde ein umfangreicher Handlungskatalog angefügt, allerdings ohne Wertung der einzelnen Maßnahmen. Insofern konnten die Mitglieder des Arbeitskreises, der diese Handlungsempfehlung als Handreichung vorlegte, einen umfänglichen (und gut lesbaren) Leitfaden anbieten, aber eine zwingende Durchführung war damit noch nicht gewährleistet.

In der Folgezeit versuchten die einzelnen Institutionen, wie auch der Denkmalverein, durch Pressemitteilungen, Petitionen und Veranstaltungen die Aufmerksamkeit der Bauherren auf eine schonendere energetische Sanierung zu lenken, ein durchschlagender Erfolg blieb allerdings aus.

Daran änderte sich auch nichts, als – ähnlich wie schon ein kurz zuvor ausgestrahlter Fernsehbeitrag zeigte – ein mit Styropor wärmegedämmtes sechsstöckiges Wohngebäude in der Hamburger Innenstadt von Flammen erfasst wurde, die sich über die Verblendung die gesamte Hauswand hinauf ausbreiteten und das Haus unbewohnbar machten. Die Feuerwehr konstatierte: „Hier muss sich schnell etwas ändern“. Auf andere massive Risiken – neben der Brandgefahr – wie Schimmelbildung und Entsorgungsprobleme wies auch der Grundeigentümerverband hin und riet seinen Mitgliedern: „Lassen Sie die Finger von der Fassadenaußendämmung“.

Den schlüssigen Beweis, dass energetische Sanierung von Backsteinbauten auch ohne Außendämmung auskommt, trat aber erst eine vom Hamburger Denkmalschutzamt angeregte Studie an, die im Auftrag der Europäischen Union mit 18 europäischen Projektpartnern drei Jahre lang Lösungen auf technischer und administrativer Ebene erforschte. Diese Studie mit Namen „Co2ol-Bricks“ wurde im November 2013 in Hamburg vorgelegt und zeitigte in der Tat überraschende Ergebnisse. Es wurde überzeugend nachgewiesen, dass Denkmalschutz und Klimaschutz nicht im Widerspruch miteinander stehen müssen. Es wurde aufgezeigt, wie die Energieeffizienz denkmalgeschützter Gebäude verbessert werden kann, ohne ihren historischen Wert zu beeinträchtigen. Durch eine Modernisierung der Heiztechnik, die Ertüchtigung von Türen und Fenstern, die Dämmung von Dachböden und Kellern sowie durch Wandheizungen und die Innendämmung von Außenwänden kann eine Energieeinsparung von siebzig Prozent erreicht werden. Mit anderen Worten: Der Nutzen der Außendämmung scheint doch wesentlich geringer zu sein als bislang angenommen. Und für die Denkmalschützer wächst die Hoffnung auf die Rettung des charakteristischen Backsteinantlitzes der Stadt.

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sich Meinungsbildner und Entscheider energisch zusammentun, sich auf die Co2ol Bricks-Studie berufen und eindringlich die Verantwortlichen in der Stadt, die Bauherren, Architekten, Zuschussgeber, Handwerker und die Industrie zur Umsetzung der schlüssigen Studienergebnisse auffordern, auf die so lange gewartet wurde. Dann hätte das bürgerschaftliche Engagement, das 2007 begann, endlich sein Ziel erreicht.

Literatur
Deutsche Bauzeitung 10/2006, S. 3. Memoranden der Fritz-Schumacher-Gesellschaft vom 14. Februar und 30. Mai 2008. Handlungsempfehlung zur Erhaltung der Backsteinstadt Hamburg, herausgegeben vom Büro des Oberbaudirektors der Freien und Hansestadt Hamburg im November 2010. Co2ol Bricks Improving the Energy Efficiency of Historic Buildings, a handbook of best practice examples, technical solutions and research projects, zwei Bände, erschienen im Oktober 2013. Pressemitteilungen des Denkmalvereins Hamburg vom 25. Juli 2011 und vom 04. Dezember 2013.


   



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