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Der Hüter der alten Gemäuer

Heike Gätjen trifft jede Woche Menschen aus Hamburg. Heute Helmuth Barth, Denkmalschützer.

Das wird irgendwie nichts. Mit dem verabredeten Kaffeetrinken. Vier kleine Wörter stehen im Weg. Dieses "Es ist doch so". Der Auftakt zu langen Geschichten. Über historische Oberleitungsmasten in Altona, einen mehr als hundert Jahre alten Verteilerkasten inklusive Morsetelegraf der Feuerwehr in Rotherbaum, eine Schleuse in Hammerbrook, die Sphingen am Eichtalbrunnen. Alles alt, geschützt, restauriert und sein Herzensanliegen. Helmuth Barth, Erster Vorsitzender des Vereins Freunde der Denkmalpflege e.V.

Er ist Denkmalschützer, kein Denkmalpfleger, auch wenn sein Verein so heißt. Hamburgs oberster Denkmalpfleger ist Frank Pieter Hesse vom staatlichen Denkmalschutzamt. Es folgt die halbstaatliche Stiftung Denkmalpflege und dann die Bürgerinitiative der mehr als 30 Denkmalpflege-Fördervereine, deren Forum der Verein Helmuth Barths ist. Getragen aus Mitgliedsbeiträgen und Spendengeldern.

Es ist doch so, sagt Helmuth Barth. 12 000 Gebäude hat das Denkmalschutzamt als schützenwert eingestuft, nur 1400 erst unter Schutz gestellt. Die mit den blauen Schildern. Hunderte von Jahren könne es noch dauern bei einem jährlichen Zuwachs von 40 bis 50 Gebäuden, bis alles wirklich geschützt sei. All das, was aus städtebaulichen, künstlerischen, architektonischen Gesichtspunkten wichtig für das Stadtbild und mindestens schon dreißig Jahre alt sei.

Nun aber der Kaffee! Oben in der Destille im Museum für Kunst und Gewerbe. Gleich, sagt Helmuth Barth, erst mal noch diese Fresken hier oben an der Decke in diesem Seitenflur. Der Anfang seines Einsatzes für die Denkmalpflege. Damals, als er noch Unternehmenssprecher bei Unilever war. Das ist eine hübsche Geschichte, sagt er, denn das Bürohochhaus steht auch unter Denkmalschutz. Der erste Bau eines dreiflügeligen Hochhauses in Hamburg. Ein Standardwerk für junge Architekten - wegen der eingebauten Sprinkleranlage ...

Halt. Die Fresken. Ja, sagt Helmuth Barth, Geschenke von Unilever an die Stadt Hamburg zum 800. Hafengeburtstag. Sie galten als unrestaurierbar, eingelagert, 60 Jahre unbeachtet in der Kunsthalle. Werke des Hamburger Malers Erwin Speckter, gerettet aus dem Abbruch des Stadtpalais des damaligen Bürgermeisters Amadeus Augustus Abendroth am Neuen Jungfernstieg. Und das lief so ... Nein, jetzt wirklich rauf in die Destille. Es spricht sich einfach leichter im Sitzen bei seinen 1,90 Metern. Ja, sagt Helmuth Barth, einen Moment noch. Er hätte sich extra den Schlüssel zum Innenhof des Museums geholt. Da sei ein besonders schönes Beispiel eines Hamburger Bürgerhauses aus dem frühen 17. Jahrhundert zu sehen. Die Fassade leider nur. Vom Neß. Beschützt von einem Netz, weil die Tauben sich wenig um geschichtsträchtige Symbole kümmern.

Bekommt er angesichts dieser alten Gemäuer eigentlich einen lustvollen Schauder? Nein, sagt er lachend. Aber einen Kick der ganz anderen Art hätte es für ihn mal gegeben im Herrensaal von St. Jacobi von 1434. Da habe er seine dritte Frau kennengelernt. Tatjana Ceynowa, Kunsthistorikerin, heute Museumsleiterin im Ahrensburger Schloss. Ihr Nachname sei ein alter kaschubischer aus der Ecke um die Halbinsel Hela. Die Land- und die Seekaschuben, Sie wissen schon.

Helmuth Barth ist wirklich ein Fundus an Geschichten. Historischen und schrägen, aufwendigen und detailverliebten. Vorgetragen mit großer Begeisterung und Ernsthaftigkeit, vielen Abschweifungen und relativ resistent gegen Unterbrechungen. Dann sitzen wir endlich. Bestellen Kaffee, kriegen gerade noch die Kurve, ohne uns in der Geschichte der alten Destille zu verlieren. Sie wissen schon, damals als sie noch im Säulengang ...

Helmuth Barth jetzt also. Der Mann, der sich für Geschichte begeistert, aber kein Experte ist, wie er sagt. Ein geborener Hamburger aus einer alten Lehrer- und Pastorenfamilie. Verewigt in dem Gorch-Fock-Buch des niederdeutschen Schriftstellers Rudolf Kienau: "Pastor Bodemann neigte sein greises Haupt ... - das war mein Großvater." Der Vater Lehrer mit zehn Geschwistern, die Mutter eine geborene Pein aus einer alteingesessenen Mühlen- und Fuhrunternehmensfamilie. Helmuth Barth wächst in Blankenese auf. Kein Segler, nein, und auch nicht aktiv beteiligt an den traditionellen Osterfeuern. Er gehört nicht zum Strandadel, sagt er. Lebt oben auf dem Geestrücken. Erinnert sich noch genau an den Tag 1943, an dem zwei Bomben auf Blankenese fallen, das Postamt zerstören und die Gorch-Fock-Schule. Der Vater kommt 1954 zurück aus der Gefangenschaft. Da ist der älteste Sohn schon leicht abgedriftet. Zieht mit Gleichaltrigen der zu Hause einquartierten Familien auf den Kiez, steht für sie gegen Bezahlung Schmiere. Um sich Westernfilme im Kino anzusehen. Er wird ins Internat gesteckt nach St. Peter Ording. Wird Hilfserzieher, betreut Sextaner und Quintaner. Die Lehrerlaufbahn scheint programmiert.

Sein jüngerer Bruder wird es. Helmuth Barth macht eine Lehre als Industriekaufmann. Goldene Zeiten noch, sagt er. Lehrplätze zur freien Auswahl. Er entscheidet sich für die mit den kostenlosen Franzbrötchen zum zweiten Frühstück. Dazwischen die Bundeswehr in der gerade von den Engländern geräumten Kaserne. Ausbilder noch vom alten Schlag. Die Panzergrenadiere hatten Unimogs. Wissen Sie, warum? Da könnte selbst ZDF-Starhistoriker Guido Knopp langsam den Überblick über seine Rückblicke verlieren. Helmuth Barth lacht. Gut, sagt er, Sie wollen also lieber wissen, warum ich Denkmalschützer geworden bin. Dazu brauche es aber noch einen Umweg. Eine kleinen nur, versprochen.

Die Studienzeit, Dannys Pan, schmale Lederschlipse, die Unzuverlässigkeit der Knaus-Ogino-Methode, die erste Ehe. Die Diplomarbeit über deutsches Speiseeis, die erste Anstellung bei Langnese. 30 Jahre Unilever. Danach dieser Wahnsinnsauftrag als Kunstberater für die Vereins- und Westbank. 660 Bilder von jungen Künstlern. "Eingekauft und gehängt." Und weil das alles so viel Spaß gemacht hat, möchte er der Stadt etwas zurückgeben. Sich engagieren. Wie hier in der Denkmalpflege. Was für ein Bogen!

Also, sagt Helmuth Barth, jetzt haben wir doch mein ganzes Leben durch. Was brauchen Sie noch? Eine kleine Portion Innenleben vielleicht. Er sei diplomatisch. Das könne er so sagen. Immer auf Konsens bedacht, immer einen Ausgleich suchend. Zu viel, sage seine Ehefrau, die gerne Kontra gäbe. Na ja, und als Ehemann sei er wohl schwierig. Das könne man ja schon an der Anzahl der Ehen ablesen. Es ist doch so, sagt er. Sein Lebensmotto sei carpe diem - genieße den Tag. Und das tue er. Vor allem in seiner Seelenzuflucht auf dem Lande. Ein Bauernhaus in Schleswig-Holstein. 300 Jahre alt. Natürlich denkmalgeschützt. Ja, und da kommt dann auch seine Frau hin, die unter der Woche in Kiel wohnt. Und manchmal sei er ganz allein mit sich, genieße das und möchte frisch aufgetankt in der Stadt den Leuten auf der Straße zurufen: Mensch, guckt euch doch um, es ist so schön zu leben. Und tut was! Was Sinnvolles. Was Ehrenamtliches.

Er ist gerade wieder auf der Jagd. Ehrenamtlich. Mit der Kamera. Für das Kulturdenkmal des Jahres 2008 - historische Wirtshäuser der Stadt. Dann bremst er ab. Lacht, weil er nach zwei Stunden noch nicht mal eine Tasse Kaffee geschafft hat. Dafür aber mich. Zum Trost sagt er, auf der Webseite www.denkmalverein.de sei das alles nachzulesen.

 

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