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Das Reiterstandbild zu Ehren von Kaiser Wilhelm I. und die Flaggenmasten auf dem Rathausmarkt
Exposé von Simon Braker
Nur zwei Wochen nach dem Tod Kaiser Wilhelms I. am 9. März 1888 beschlossen der Senat und die Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg, dem verstorbenen Kaiser ein Denkmal zu errichten.
Mit Hilfe einer aus Senats- und Bürgerschaftsmitgliedern zusammengesetzten Kommission wurden innerhalb eines Jahres Vorschläge zum Standort und der Gestaltung des Denkmals erarbeitet. Den im März 1889 veröffentlichten Empfehlungen der Kommission zufolge sollte das Kaiserdenkmal in Form einer Reiterstatue nach dem Entwurf des Berliner Bildhauers Fritz Schaper auf der Reesendammbrücke zwischen Binnen- und Kleiner Alster errichtet werden. Während der Senat für die Annahme dieser Empfehlung plädierte, konnte sich die Bürgerschaft zu keiner Entscheidung durchringen. Vornehmlich gegen den Brückenstandort äußerten viele Bürgerschaftsabgeordnete Kritik, da sie den Rathausmarkt als würdigeren Standort ansahen. Es bedurfte mehrerer Sitzungen sowie Prüfungen durch einen Bürgerschaftsausschuss, bis im Mai 1890 die Bürgerschaft für den Rathausmarkt als Aufstellungsort plädierte und das Brückenprojekt damit verhindert wurde.
Der Aufstellung des Denkmals auf dem Rathausmarkt stand zu jener Zeit allerdings der Zentralbahnhof der Pferdebahn im Wege, dessen Gleise erst verlegt werden mussten, um dem Denkmal einen würdigen Rahmen zu schaffen. So beauftragte der Senat die Behörden mit einer Lösung dieser Verkehrsfrage. Dort lag die Denkmalsangelegenheit jedoch länger als erwartet, vermutlich teils aus technischen als auch aus finanziellen Gründen.
Erst 1896 rief der Architekt und Rathausbaumeister Martin Haller die Denkmalsangelegenheit wieder auf die politische Tagesordnung von Senat und Bürgerschaft. Doch bis eine endgültige Entscheidung in der Denkmalsfrage fiel, sollten wiederum mehrere Jahre vergehen. Insbesondere die Gestaltung des Denkmals bedurfte weiterer Kommissions- und Ausschussberichte, wie auch mehrerer Bürgerschaftssitzungen, bis am 6. April 1898 beschlossen wurde, dass das Kaiserdenkmal in Hamburg auf dem Rathausmarkt – nachdem man sich von Schaper als ausführenden Künstler getrennt hatte – nach dem Entwurf des Dresdner Bildhauers Johannes Schilling zu errichten sei. Für Schillings Entwurf sprach zudem, dass dieser mit dem zweiten Preis im Wettbewerb um das Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal in Berlin ausgezeichnet worden war und somit ein Denkmal ‚ersten Ranges‘ für Hamburg versprach.
Nachdem mit Hilfe eines zusätzlichen Wettbewerbs 1898 Ideen für die weitere Ausgestaltung des Rathausmarktes gesammelt worden waren, die Johannes Schilling in seinen Entwurf einfügte, gaben im Jahr der Jahrhundertwende Senat und Bürgerschaft ihre Genehmigung zur Ausführung des Denkmals nach Schillings nun erweitertem Entwurf.
Am 20. Juni 1903 konnte das Denkmal in Anwesenheit Kaiser Wilhelms II., dem Enkel Wilhelms I., feierlich enthüllt werden. Die Kosten für die Errichtung des Denkmals beliefen sich inklusive der Feierlichkeiten auf mehr als eine Million Mark.
Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal erhob sich auf einem erhöhten Plateau mittig gegenüber dem Rathaus. In der Mitte dieses Platzes stand auf einem sechs Meter hohen verzierten Granitsockel ein fünfeinhalb Meter hohes bronzenes Reiterstandbild, welches den Kaiser in Uniform und Pickelhaube zu Pferde darstellte. Am Sockel prangten vorn die Reichsinsignien (Kaiserkrone, Reichsschild und Reichsschwert), seitlich Reliefs zur Versinnbildlichung der Reichseinigung sowie auf der Rückseite die Jahreszahl 1903.
Der Denkmalsplatz wurde seitlich und im Hintergrund von zwei in weitem Bogen gefassten Balustraden begrenzt, welche, ebenfalls durch Reliefs, Bezug auf die Reichsgründung 1871 nahmen, indem sie die Kaiserproklamation in Versailles und den Empfang der heimkehrenden Soldaten in Hamburg zeigten. Vorgelagerte Ruhebänke boten den Vorbeigehenden die Möglichkeit zur andächtigen Betrachtung des Denkmals, welches außer dem Reiterstandbild auch vier allegorische Bronzestandbilder aufwies, die auf kleinen Sockeln vor der Balustrade ihre Aufstellung fanden. Allegorisch versinnbildlichten sie als Assistenzfiguren neben den Balustraden-Reliefs, die an die siegreiche Kriegszeit erinnern sollten, die Friedenswerke unter der Regierung Wilhelms I., indem sie das einheitliche Reichsgesetz, das einheitliche Maß- und Münzwesen, das Invaliditäts- und Altersversorgungsgesetz sowie den Weltverkehr darstellten.
Für seine angedachte Funktion als Festplatz bedurfte der Denkmalsplatz mehrerer Lichtmasten zur Illumination sowie auch Flaggenmasten. Diese flankierten das sich zum Rathaus öffnende Plateau und boten Gelegenheit zur Beflaggung, wobei ein Mast für die Reichsflagge und der andere für die Hamburger Flagge konzipiert war.
Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal ehrte Wilhelm I. als Begründer des neuen Deutschen Reichs und bekannte sich zur Treue gegenüber Kaiser und Reich. Allerdings stellte die Freie und Hansestadt Hamburg die Friedenswerke im sozialen, juristischen und ökonomischen Bereich in Folge der Reichsgründung in den Vordergrund und betonte vor allem im Detail selbstbewusst den Anteil Hamburgs am Gelingen des Ganzen.
Ökonomische Stärke dominierte gegenüber militärischer Macht, soziale Einheit gegenüber monarchischem Glanz. Die einfache Uniform wie auch die Pickelhaube waren kein Bekenntnis zum preußisch-deutschen Militarismus, sondern sollten ihn als schlichten und gerade dadurch würdigen Kaiser darstellen.
Auf dem Rathausmarkt der Stadt konnte das Kaiserdenkmal jedoch keine 30 Jahre bestehen. Bereits während der Novemberrevolution 1918 sowie 1922 wurde das Denkmal mehrmals beschädigt. 1930 wurde das Denkmal dann nach dem Bestreben des Oberbaudirektors Fritz Schumacher aus verkehrstechnischen Gründen vom Rathausmarkt entfernt. Nach eigenem Bekunden wollte Schumacher das Denkmal schon vor dem Ersten Weltkrieg entfernen lassen, um ähnlich„das Raumgefüge Rathausmarkt – Kleine Alster – Jungfernstieg wieder in seine ursprünglich geplante, dem Markusplatz [in Venedig, d. V.] ähnliche Form [zu] bringen“. Doch auch von politischer Seite aus geriet das Denkmal in die Kritik. Sozialdemokraten und Demokraten in der Bürgerschaft wünschten, das „monarchistische Emblem“ vom Rathausmarkt zu entfernen, da dieser in Zukunft für „republikanische Feiern“ genutzt werden sollte. So wurde das Denkmal zu den Gerichtsgebäuden am Sievekingplatz versetzt und vor dem Ziviljustizgebäude in verkleinerter Form aufgestellt. Die beiden Flaggenmasten verblieben auch weiterhin auf dem Rathausmarkt, wurden jedoch näher zum Rathaus auf ihre heutigen Plätze gerückt. Die zweigeteilte Balustrade mitsamt den Bronzereliefs sowie mehrere Lichtmasten fanden gar keine Verwendung mehr.
Im Zweiten Weltkrieg wurde das verbliebene Denkmal am Sievekingplatz beschädigt und 1961 in Vorbereitung auf die Internationale Gartenausstellung 1963 versetzt und aufgelöst. Das Reiterstandbild wurde auf einem einfachen Betonsockel an seine heutige Stelle am Johannes-Brahms-Platz versetzt, der Rest der Anlage eingelagert. Erst seit 1997 stehen die inzwischen restaurierten Assistenzfiguren wieder unmittelbar beim Reiterstandbild. Die restlichen Bestandteile des Denkmals, wie die Reliefs oder die Lichtmasten wurden jedoch nicht wieder aufgestellt, sondern größtenteils eingelagert, so dass sich heute lediglich ein Sockelrelief im hinteren Schaufenster eines Modehauses in der Mönckebergstraße sowie ein Lichtmast auf dem St. Anscharplatz beim Valentinskamp wiederfinden lassen. Die 1930 nicht mehr verwendeten Teile des Denkmals, wie die großen Balustraden-Reliefs, gelten als verschollen.
Flaggenmasten
Die Idee für die Flaggenmasten ging aus dem Ideenwettbewerb 1898 hervor, bei welchem die teilnehmenden Künstler skizzierte Gestaltungsvorschläge für die Denkmalumgebung auf dem Rathausmarkt einreichten, die lediglich als Ideen prämiert wurden und von Johannes Schilling in seinen Entwurf eingearbeitet werden konnten. So zeigten die mit dem ersten und zweiten Preis prämierten Entwürfe von Carl Garbers und Ernst Barlach sowie Georg Thielen und Paul Duyffke jeweils zwei hochragende Flaggenmasten als Teil der Festplatzdekoration, deren Sockel mit Figurengruppen verziert waren.
Johannes Schilling integrierte diese Idee in seinen zur Ausführung gelangten Entwurf und erschuf zwei auf architektonisch und ornamental verzierten bronzenen Basen fußende Masten, deren eiserne Schäfte 30 Meter in den Himmel ragen. Zur Rechten des Kaisers positionierte Schilling den Mast für die Reichsflagge. Den Mast für die Hamburger Flagge stellte er zur Rechten des Rathauses auf. Darüber hinaus stellte Schilling die Flaggenmasten in einen Sinnzusammenhang mit den vier Lichtmasten des Denkmalplatzes, indem jeder Mast als ein deutscher Baum darstellt wurde und sie zusammen einen symbolischen deutschen Wald ergaben, der mythisiert als Stätte des Germanentums gesehen wurde. Die Sockelornamentik kennzeichnete die Lichtmasten als Eiche, Linde, Ahorn und Esche. Der Mast der deutschen Flagge stellt eine Tanne dar, die aus farnbedecktem Waldboden hervorragt, der Mast für die Hamburger Flagge eine Kiefer, die zwischen Bärenklau emporwächst.
In dem 1903 veröffentlichten dünnen Heftchen „Das Kaiser Wilhelm-Denkmal in Hamburg“ beschreibt Johannes Schilling die weitere Ornamentik der Flaggenmasten wie folgt:
„Der deutsche Flaggenmast zeigt auf der Stirnseite den Genius des Ruhmes, in dessen Händen das neugeschaffene Reichsschild ruht. Zu seiner Rechten stößt die Figur des Krieges, als Reiter sein schnaubendes Ross hemmend, das Schwert in die Scheide. Auf der anderen Seite kommt der Friede als Jüngling mit der Palme in der Hand über eine blühende Wiese dahergeritten. Die Rückseite stellt dar, wie die Jugend dem Alter die neue Karte von Deutschland zeigt, auf welcher die alte Frau Straßburg diesseits der Grenze findet. Dieser Mast ist durch eine Kugel mit der Silhouette eines Kriegsschiffes aus der Zeit des Kaisers bekrönt.
Der Mast der Hamburger Flagge zeigt das Wappen Hamburgs, von Löwen gehalten, darunter die allegorische Figur der Elbe, in deren Fluten die Einfuhr amerikanischer Waren durch die auf einer Hippocampe [ein Seepferd, d. V.] reitende Indianerin ausgedrückt wird. Die andere Seite zeigt den Handel zu Lande und zugleich die Ausfuhr wertvoller Gegenstände. Auf der Rückseite ist durch Knaben der neue Hafenbau dargestellt. Dieser Mast ist durch ein Segelschiff gekrönt.“
Für sich betrachtet erzählt der deutsche Flaggenmast von der Reichsgründung, die, im Krieg errungen, den damaligen Frieden um die Jahrhundertwende (noch) bewahrte und mit der Wiedereingliederung von Elsass-Lothringen ehemalige Teile des Heiligen Römischen Reichs (deutscher Nation) wieder einschließen konnte.
Der Hamburger Mast beschreibt die Verbindung von Außen- und Binnenhandel in der Stadt, dessen Lebensader die Elbe ist und die mit ihrem Hafen weiter wächst.
Zusammen betrachtet bilden die beiden Flaggenmasten ein Ensemble, welches sowohl die Zusammengehörigkeit von Hamburg und dem Deutschen Reich symbolisiert, wie auch den jeweiligen Bezug zum Kaiser herstellt. Durch die Gründung des Deutschen Reiches erlebte Hamburg einen wirtschaftlichen Aufschwung – u. a. durch den Zollanschluss 1888. Diesen Zusammenhang symbolisieren die Masten u. a. dadurch, dass der neuen Karte Deutschlands auf der Rückseite des deutschen Flaggenmastes am Hamburger Mast eine Karte – ebenfalls auf der Rückseite – entspricht, die, von den Knaben, welche den neuen Hafenbau darstellen, gehalten, das Gebiet der Speicherstadt am Binnenhafen zeigt.
Zudem zeugen die Schiffssilhouetten auf den Masten von der Verbindung von Handels- und Kriegsmarine, wonach die Hamburger Kaufleute unter dem Schutz des Reichs in Übersee die Handelsinteressen des Reichs vertreten konnten.
Die Flaggenmasten zeugen auch heute noch von dem Verhältnis der Hamburger zum Deutschen Reich. Zum einen mussten sie ihre Eigenständigkeit aufgeben, welche sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entfalten konnten, profitierten zum anderen jedoch wirtschaftlich in enormer Weise vom Reich. Mit dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal zeigten die Hamburger stolz ihr Selbstbewusstsein, welches ebenso den Stolz beinhaltete, Deutsche zu sein, wie auch den besonderen Stolz, Hamburger zu sein.
Mit Hilfe der Assistenzfiguren versuchte das Kaiserdenkmal nicht mit pathetischer Verherrlichung von Monarchie und Militär zu überzeugen, sondern zeigte den Betrachtern, allen voran den Hamburgern, welche Vorteile sie selbst durch Kaiser und Reich erhalten hatten.
Mit diesem Denkmal wollten die Hamburger sich nicht dem Kaiser unterwerfen, sondern den Mann ehren, der wesentlich zur Blüte von Vaterland und Vaterstadt beigetragen hatte. Doch auch die Stadt selbst setzte sich hier ein Denkmal, indem es seine Bedeutung als erste Handelsstadt des Reichs unterstrich.
Als Überreste des Hamburger Kaiser-Wilhelm-Denkmals stehen noch heute diese beiden Flaggenmasten auf dem Rathausmarkt und bieten zu feierlichen Anlässen Gelegenheit zur Festbeflaggung vor dem Rathaus. Als ein erhaltenswertes Stück Geschichte der Stadt zeugen sie auch heute noch von einer Zeit, in welcher Hamburg zur Millionenstadt heranwuchs und die wirtschaftliche Bedeutung begründete, die es heute noch immer innehat.
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